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Nachlese: Treffpunkt WissensWerte: WWW – Wenn Wissen wurzelt
Wie Hochschulabsolventen in der Region gehalten werden können und wie aus deren Wissen hier Arbeitsplätze entstehen, war das Thema einer Diskussionsveranstaltung von TSB Technologiestiftung Berlin und Inforadio.
Bleiben oder gehen? Das ist für viele Absolventen der Universitäten und Hochschulen in Berlin und Brandenburg eine existenzielle Frage. Junge Ingenieure und Ingenieurinnen, Naturwissenschaftler und Naturwissenschaftlerinnen wie Biologen und Chemikerinnen, Physiker und Mathematikerinnen fragen sich, wo sie einen interessanten Arbeitgeber finden, was sie verdienen können und ob die Gründung eines Unternehmens eine Alternative darstellt. Deutschland hat einen hohen Bedarf an Absolventen der so genannten MINT-Fächer Mathematik-Naturwissenschaften-Informatik-Technik. Insgesamt fehlten im vergangenen Jahr knapp 120.000 dieser Akademiker. Der Kampf der Regionen ist in vollem Gange und wird sich zukünftig noch verschärfen.
Berlinflair punktet bei Einstellungen
Nicht nur der Osten, die Berlin-Brandenburger Wirtschaft, benötigt dringend hochqualifizierten Nachwuchs. Aber in Deutschlands Süden und Südwesten wird besser bezahlt. Je nach Hochschule und Fachrichtung verlassen bis zu 64% der Absolventen Berlin nach dem Diplom-, Bachelor- oder Masterabschluss (Quelle: Kapital in Köpfen, TSB-Studie). Dieser Zahl widerspricht Jörg Steinbach, Präsident der Technischen Universität Berlin, die Zahlen für die TU sähen anders aus: Da blieben über 60% der Studienabgänger hier. „Das ist eine neuere und positive Entwicklung“, betont Steinbach. „Hier hat sich nach dem Fall der Mauer etwas ganz drastisch geändert.“ Hinzugekommen sei auch der Hauptstadtcharakter. Viele Institutionen siedeln sich regierungsnah an. Und Monika Gross, Präsidentin der Beuth Hochschule für Technik Berlin, ergänzt: „Eigene Studien bestätigen dies, im IT und Medienbereich sind es sogar 80 Prozent.“
Dennoch ist das nicht überall so, weitere Anstrengungen sind nötig. Insbesondere gibt es nachweislich eine große Diskrepanz der Gehälter im Norden und Osten einerseits und im Süden und Westen andererseits, die Gehaltsunterschiede betragen teilweise 1000 € monatlich, Ingenieure im Osten verdienen 25% weniger. „Ich will nicht verhehlen, dass der Osten in der Gehaltssituation hinterherhinkt, das wäre Quatsch, wenn man das leugnen würde“, meint Steinbach. „ Aber ich glaube, dass insbesondere die Hauptstadt und der Großraum Berlin da noch eine vergleichsweise privilegierte Rolle hat.“ Zu dieser Rolle gehören eine ganze Reihe so genannter weicher Standortfaktoren wie das Flair Berlins, Kultur und Architektur, die das Leben und Arbeiten attraktiv machen. „Geld ist nicht alles“, betont denn auch Norbert Quinkert, Vorstandsvorsitzender der TSB Technologiestiftung Berlin. Wer wolle schon nach Schwäbisch-Hall ziehen oder nach Biberach an der Riß, wenn er die Wahl habe, in Berlin bleiben zu können, obwohl dort bei großen Firmen wie Recaro oder Böhringer Ingelheim gutes Geld zu verdienen sei.
Dies kann Markus Becker, Gründer und Geschäftsführer der EcoIntense GmbH, bestätigen. Als kleines Unternehmen mit 25 Mitarbeitern konnte er in den letzten Monaten fünf Absolventen, die nicht aus der Region stammten, für sein Unternehmen in Berlin gewinnen. Der Grund sei nicht das Gehalt gewesen, so Becker, sondern „ein großer Faktor, mit dem wir gepunktet haben, war auch das Berlinflair.“
Man wird nicht als Unternehmer geboren
Eine Möglichkeit für Absolventen ist es, sich selbstständig zu machen, ein Unternehmen zu gründen – so wie Markus Becker. Der hat nach seinem Informatik-Studium an der damaligen FHTW, Fachhochschule für Technik und Wirtschaft (heute HTW Berlin) mit zwei Freunden die EcoIntense GmbH gegründet. Das IT- und Software-Unternehmen unterstützt mit seinen Produkten andere Unternehmen, das Thema Umweltmanagement und Arbeitssicherheit transparenter und besser darzustellen. Mit Hilfe der von Becker und seinen Mitarbeitern entwickelten Software wird das Erstellen von Ökobilanzen vereinfacht, die Darstellung des Verbrauchs von Strom, Wasser und Ressourcen im Produktionsprozess oder der Gefahren, die von Anlagen und Maschinen ausgehen könnten. „Man wird nicht als Unternehmer geboren“, fasst Becker die Erfahrung seiner Unternehmensgründung zusammen. Positiv sei gewesen, dass sie bereits zu Studienzeiten ein Industrieprojekt mit einem mittelständischen Berliner Unternehmen entwickeln konnten. Das war für sie der Anstoß, die Idee dann über ein einjähriges Forschungsprojekt an der FHTW zu einer Gründungsidee weiter zu entwickeln. „Und dann war es …ein logischer Schritt, dass man eines schönen Morgens bei einer Notarin saß und man endlich den GmbH-Vertrag hat notariell beglaubigen lassen.“
Problematisch sei es damals gewesen, das Projekt zu finanzieren. Das sei heute viel einfacher, glaubt Becker, mittlerweile hätten alle „namhaften Venture Capital Firmen und Investoren Büros in Berlin, weil sie das als sehr lukrative Region sehen.“
Der Präsident der TU Berlin ist da skeptischer. „Wenn du gefragt wirst, was macht den Unterschied zwischen Silicon Valley und Spree Valley aus, dann ist es schon die Risikobereitschaft, mit Geld in diese Startups hineinzugehen.“ Steinbach fordert die Investitionsbank Berlin, private Banken und mittlerweile etablierte Gründer auf, sich stärker zu engagieren. „Hier müssen wir noch eine ganze Kultur aufbauen, die gibt es erst in Ansätzen.“ Dennoch sieht er eine positive Entwicklung – auch innerhalb der Hochschulen, wie er an einem Beispiel verdeutlicht. Als er als gerade berufener Vizepräsident für Forschung 2002 eine amerikanische Tagung an der TU ausrichtete, wunderte er sich über den hohen Stellenwert, den das Thema Entrepreneurship eingeräumt bekam. „Ich habe mich gefragt, wovon die da reden und warum die da reden, kommt jetzt der nächste Modehype aus den USA rüber?“
Mitlerweile hat die TU ein eigenes Gründungszentrum, wird Entrepreneurship professoral begleitet, wurde die TU Berlin beim exist-Bundeswettbewerb als Gründungsuniversität ausgezeichnet.
Wie ein Trüffelschwein Ideen suchen
Für Steinbach besteht eine große Herausforderung für die Hochschulen darin, Studierende zu ermutigen und zu befähigen, sich selbstständig zu machen. Dazu bräuchten sie aber qualifizierte Hilfe. Als Fernziel für die TU formuliert Steinbach, „dass kein Ingenieur die Universität verlässt, der nicht die Grundausbildung in diesen betriebswirtschaftlichen Dingen bekommen hat. Das schaffen wir kapazitär noch nicht, aber da müssen wir hin. Im Augenblick sind wir bei 20% der Studierenden.“ Und dazu gehöre neben der betriebswirtschaftlichen natürlich auch eine inhaltliche Hilfestellung. „Denn viele von unseren Studierenden oder Jungforschern, die wissen noch nicht einmal, dass das, was sie haben, eine Idee ist für ein Geschäftsmodell.“ Und Norbert Quinkert ergänzt: „Manche haben eine Idee, wissen aber nicht, dass sie eine haben.“ Er sieht es deshalb als Aufgabe der TSB, angehenden Gründern verstärkt mit Projekten zu helfen, sie in Netzwerken mit Gleichgesinnten zusammenzubringen, die Ideenfindung zu unterstützen. „Wir sind ein bisschen wie die Trüffelschweine!“ An der Beuth Hochschule werden seit sieben Jahren von der Gründerwerkstatt 2-jährige Stipendien an Absolventen vergeben, um deren Geschäftsidee zu unterstützen, damit sie sich einen Kundenstamm aufbauen und am Markt etablieren können. „Wir wissen, dass etwa 50% dieser Gruppen auch Bestand haben nach dieser Anfangsfinanzierung“, bilanziert Gross, aber „die Banken und die Stadt müssten das mehr unterstützen.“
Drei Zigarren in Warteposition
14% der Absolventen machen sich im Durchschnitt selbstständig. Für wichtiger hält Professor Steinbach jedoch die Zahl der Unternehmen, die die ersten 5 Jahre überstehen würden. Um diese Zahl zu erhöhen fordert er neben den Aktivitäten von Hochschulen und privaten Geldgebern auch mehr Engagement vom Land. „Die haben auch Drehstellen, wenn sie sagen, diese Gründungen sind ein Faktor zur Stärkung des BIP hier in dieser Region. Dann müssen hier auch Steueranreize u.ä. Dinge passieren, da ist Luft nach oben.“ Auch Professor Gross sieht das Land stärker in der Pflicht. In der Region müssten mehr Industriearbeitsplätze angesiedelt werden, sonst wanderten zu viele Absolventen ab. Gerade im Bereich der Biotechnologie ist dies zu beobachten. Zwar sei „die Biotechnologie in Berlin Spitze“ so Gross, „weil es unglaublich viel Forschungsinstitute gibt und viele Startups.“ Aber die Überlebensrate sei nicht so gut, das Venture Capital fehle für langfristige Unterstützung. „Hier muss die Stadt unterstützend tätig werden zum Beispiel im Bereich Räumlichkeiten und Infrastruktur.“
Auf die Frage, ob er es denn mit seiner Firma EcoIntense geschafft habe, erfolgreich am Markt zu sein, antwortet Markus Becker eher ausweichend. „Wir haben schon seit 3 Jahren sehr gute Zigarren bei uns liegen, die wir immer noch nicht geraucht haben, weil wir nicht genau wissen, ob wir es geschafft haben oder nicht, weil einen doch immer wieder das Tagesgeschäft einholt.“
Mehr Adlershofe zur Steigerung des BIP
Dabei steht Berlin, was die Gelder für Forschung und Entwicklung (FuE) betrifft, im Bundesvergleich gar nicht so schlecht dar. Beim Anteil der FuE-Aufwendungen am BIP (Bruttoinlandprodukt) liegt Berlin nach Baden-Württemberg (4,8%) mit 3,6% auf Platz 2. Im Bereich der öffentlichen Forschung sogar auf Platz 1, bei der Wirtschaft dagegen auf Platz 5. Diese Diskrepanz ist der ungünstigen Industriestruktur geschuldet, ein hoher Anteil an Kleinen und Mittleren Unternehmen (KMU), sehr wenige Großunternehmen. Und auch bei der Gründung von Unternehmen steht Berlin gar nicht so schlecht dar: 2009 wurden pro 10.000 Erwerbsfähige knapp 50 Gründungen gezählt, nur Hamburg war mit 60 Gründungen noch besser. Der Bundesdurchschnitt lag bei 40 Gründungen. Im Hitec-Bereich sehen die Zahlen ähnlich aus: 4 Gründungen auf 10.000 in Berlin, 5 in Hamburg, der Bundesdurchschnitt lag bei knapp 3 Gründungen pro 10.000 Einwohner.
Norbert Quinkert führt als positives Beispiel den Technologiestandort Adlershof an, mit seinem Mix aus wissenschaftlichen Instituten und vielen KMUs, darunter ein hoher Anteil von Ausgründungen und Startups. „Ich bin überzeugt davon“, so Quinkert, „dass zwischen diesen kleinen Firmen auch der eine oder andere Weltmarktführer ist, der später mal eine große Firma werden kann. Wir müssen Geduld haben.“ Immerhin steuerten die Adlershofer Unternehmen bereits heute über 1 Mrd. Euro zum Berliner BIP bei. „Wenn wir mehr solcher Adlershofe hätten, Tempelhof, Tegel, dann sähen die Zahlen (für den Berliner Haushalt) ein bisschen anders aus.“ Doch bei allem Positiven sieht TSB-Chef Quinkert Handlungsbedarf, denn es gäbe zu wenig MINT-Absolventen. „Wir müssen mehr Kinder und Jugendliche an das MINT-Thema heranführen.“
Und wie lassen sich nun Absolventen in der Region verwurzeln?
Einigkeit herrscht bei allen in der Frage nach der Ansiedlung von mehr hochqualifizierten Arbeitsplätzen. Hier muss die Stadt mehr unternehmen. Gründer sollten mit Rat und Tat unterstützt werden – mit dem Knowhow, wie aus einer Idee ein Arbeitsplatz wird – damit die Region attraktiv bleibe. Und Markus Becker, der Unternehmer, betont schließlich noch den USB, den Unique Selling Point, der Stadt, das Alleinstellungsmerkmal, das für viele Absolventen zähle: Nur hier sei es möglich, Beruf und Familie unter einen Hut zu bekommen, so Becker, durch eine gute Infrastruktur und Kinderbetreuungsmöglichkeiten. Ihm war es mit 2 Töchtern und berufstätiger Ehefrau dennoch möglich gewesen, ein Unternehmen zu gründen und aufzubauen. „Berlin hat für junge Akademiker mit Familie die bestetn Voraussetzungen, das muss man stärker ausbauen.“
Der Treffpunkt WissensWerte ist eine Veranstaltung der TSB Technologiestiftung Berlin und Inforadio (rbb) mit Unterstützung der DKB.
Sie wurde mitgeschnitten und im Programm von Inforadio (rbb) 93,1 gesendet. Hier können Sie die Sendung nachhören.
(Text: Thomas Prinzler)
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