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Nachlese: Herzforschung in Berlin-Brandenburg
Herausforderungen und Möglichkeiten der Herzforschung in der Region standen im Mittelpunkt des 56. Treffpunkt WissensWerte im Max Delbrück Communication Center.
Das Herz ist der Motor des Lebens. Mit dem Schlagen des Herzens assoziieren die Menschen das Leben. „Wir können das Herz hören und fühlen, deshalb ist es so eine emotionale Angelegenheit, deshalb ist das Herz als Sitz der Seele angesehen worden“, versucht Prof. Walter Rosenthal, wissenschaftlicher Vorstand des MDC zu erklären, warum es im Deutschen so viele Wortzusammensetzungen mit Herz gibt: Herzlich, herzallerliebst, Herzschmerz, herzbewegend, Herzeleid, Herzensbrecher, herzhaft, herzlos - Wohl kaum ein menschliches Organ hat so viele sprachliche Spuren hinterlassen wie das Herz. Das Herz ist knapp ein Pfund Muskel, 10 bis 15 cm im Durchmesser. Es treibt jede Minute 5-6 Liter Blut durch etwa 100.000 Kilometer Blutgefäße des menschlichen Körpers. Dieser Muskel fördert pausenlos im Laufe eines Menschenlebens mit zweieinhalb Milliarden Schlägen mehr als 200 Millionen Liter Blut - über 7000 Liter pro Tag! Das Herz darf sich nicht ausruhen - 80 oder 100 Jahre lang schlägt es unermüdlich. Und gerät es aus dem Takt, ist das menschliche Leben in Gefahr. Herzflimmern, Herzrhythmusstörungen oder Herzinfarkt - kardiovaskuläre Krankheiten sind typische Zivilisationskrankheiten und die häufigste Todesursache nicht nur in Deutschland. 80 Mio Menschen in Europa leiden an Herz-Kreislauf-Erkrankungen, 180 Mio Europäer haben einen zu hohen Blutdruck, der unbehandelt zu Herzversagen und zum Tod führt. Dennoch, so beklagt Professor Walter Rosenthal, wissenschaftlicher Direktor des MDC, stehen in der öffentlichen Wahrnehmung andere Erkrankungen an vorderer Stelle. „Man redet mehr über Alzheimer und auch über Krebs als über Herz-Kreislauf-Erkrankungen.“ In Deutschland werden 41,1 Prozent aller Todesfälle 2010 darauf zurückgeführt, das sind 352.689 Menschen. Einem Herzinfarkt erlagen 59.107 Menschen. Davon waren 55,8 Prozent Männer und 44,2 Prozent Frauen (Quelle: Statistisches Bundesamt). Für manch einen ist der hohe Frauenanteil überraschend.
Lebensstil Hauptgrund für Herz-Kreislauf-Erkrankungen
„Man hat Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei Frauen lange unterschätzt, man dachte, dass ist eine typische Erkrankung der Männer“, sagt Prof. Vera Regitz-Zagrosek. Sie ist Gründerin und Direktorin des Instituts für Geschlechterforschung in der Medizin an der Berliner Charité. „Frauen werden älter als Männer, sie haben einen Vorsprung im Leben“, so Regitz-Zagrosek, „und da im höheren Alter Herz-Kreislauf-Erkrankungen auftreten, sind Frauen häufiger betroffen.“
Als Ursachen sieht die Kardiologin angeborene oder durch Erkrankungen erworbene Herzfehler wie bluthochdruck- und diabetesbedingte Herzerkrankungen. Zudem verwiesen die Experten insbesondere auf das Risiko, dass die Lebensweise in den Industrieländern und zunehmend auch in den Schwellenländer für die Herzgesundheit darstellt. Prof. Rosenthal stellte fest, „dass wir den ganzen Tag sitzen, dass wir wenig laufen, dass wir zuviel essen, dass wir das Falsche essen, dass wir rauchen, dass wir hohen Blutdruck haben und den nicht behandeln lassen, das sind Folgeerscheinungen unseres Lebensstils.“
Die Erforschung der Ursachen auf molekularer wie auf gesellschaftlicher Ebene ist so wichtig wie die Entwicklung von Medikamenten oder von so genannten Herzunterstützungssystemen.
Das Berliner Kunstherz
„In Berlin können wir auf eine lange Kunstherzentwicklung zurückschauen.“ Das sagt Sven-René Friedel, Verwaltungsdirektor der Berlin Heart GmbH. „Gerade Berlin ist ein gelungenes Beispiel für den Wissenstransfer von der Forschung in den unternehmerischen Bereich hinein.“ So konnten die Herzunterstützungssysteme von Berlin Heart ihre weltweit herausragende Stellung nur durch die enge Kooperation mit dem Deutschen Herzzentrum Berlin und der Charité erlangen, aufbauend auf den Arbeiten von Prof. Emil Bücherl und Prof. Roland Hetzer. Friedel verwies auf die extremen Technologiesprünge in den letzten 20 Jahren, von denen sie profitiert hätten, um Kunstherzen mit einer hohen Effizienz zu entwickeln. Denn Kunstherzen sind bitter nötig. Der eigentliche Grund für die Entwicklung von Kunstherzen, ist der Mangel an Spenderherzen. „Weltweit reden wir von 4000 Herztransplantationen, die Patientenzahlen sind aber weitaus höher“, so Friedel.
Das Herz eine wartungsfreie Pumpe?
Wenn man das Herz, diesen faustgroßen Muskel mit der gigantischen Leistung, mit einer Maschine vergleichen würde, müsste diese ständig gewartet werden. Geht das beim Menschen von der Geburt (bzw. bereits vier Wochen nach der Empfängnis, wenn das Herz zu schlagen beginnt) bis zum Tod im besten Fall ohne Wartung? Dem widersprechen die Experten vehement. Walter Rosenthal: „Wir können es gut oder schlecht behandeln. Wir können es auf Verschleiß fahren oder wir können es schonend behandeln und die Konzepte kennen sie alle: Dass man sich bewegt, dass man Sport treibt, dass man mäßig isst, das richtige isst. Aber die erfordern eine Anpassung des Lebensstils, und das ist ein ganz schwierige Sache“. Prof. Regitz-Zagrosek schätzt die Bereitschaft zur Lebensstiländerung auf etwa 2 Prozent. Dennoch ist kein Pessimismus angesagt. Veränderung ist möglich, auch die Erkenntnis, für seine Gesundheit selbst verantwortlich zu sein. Zweimal die Woche ca. 30 Minuten schweißtreibend laufen, wäre die beste Prävention. Überhaupt sind gerade Herz-Kreislauf-Erkrankungen besonders geeignet für präventive Maßnahmen, lassen sich selbst genetische Dispositionen durch den Lebensstil beeinflussen. „Prävention ist in der Regel eine preiswerte Therapie“, meint Rosenthal und als wichtiges Zukunftsziel sieht er die „spannende Aufgabe, dass moderne Medizin nicht nur dann kommt, wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist, sondern Beiträge zur Prävention, zur Lebensqualität leisten kann“.
Neue Konzepte der Medikamentenentwicklung nötig
Am MDC ist ein Forschungsschwerpunkt das Herz, die molekularen Ursachen von Herz-Kreislauferkrankungen, die Wissenschaftler dort wollen es ganz genau wissen – wo in Zellen und Genen der Defekt sitzt, wie die Signalwege sind und welche neuen Konzepte für die Medikamentenentwicklung nötig sind. Prof. Rosenthal: „Grundlagenforschung ist wichtig, damit grundlegend neue Konzepte entwickelt werden können für neue Medikamente mit weniger Nebenwirkungen und besserer Wirksamkeit.“ Das sei aber ein sehr langer, langer Weg, dämpft Rosenthal allzu optimistische Erwartungen. „Man weiß heute bei den Konzepten, die von Molekülen und Eiweißen ausgehen, nicht mehr so recht weiter, es stehen nicht wie bei der Krebstherapie neue Konzepte da, die umgesetzt werden müssen, man ist ratlos, wie man zu neuen, verbesserten Medikamenten kommen kann.“
Für die Kardiologin Regitz-Zagrosek ist jedoch in den letzten 20-30 Jahren die Therapierbarkeit von Herzpatienten dramatisch gestiegen. „ACE-Hemmer, jetzt ein Grundpfeiler der Therapie, als ich vor 30 Jahren anfing kamen sie gerade erst. Beta-Blocker waren noch ein Abenteuer, man wusste wenig über Dosierung und wie man sie einstellen musste.“ Und auch in der Schrittmacher-Technologie, bei Stents, Kathetern, Kunstklappen konstatiert sie riesige Fortschritte. Die schlagen sich auch in der gestiegenen Lebenserwartung wieder, betont Rosenthal. „Wir haben viel im Detail gelernt, so dass die Sterberate bei Herzinfarkt um die Hälfte gesenkt werden konnte. Diese nicht revolutionären Veränderungen in der Therapie haben dazu geführt, dass die Lebenserwartung um 2,6 Lebensjahre gestiegen ist, weit mehr als bei anderen Krankheiten.“
Herausforderungen für die Zukunft
„Meine Vision ist, dass Systeme immer kleiner werden, und auf Dauer komplett implantiert werden können“, beschreibt Sven-René Friedel die Herausforderung für die Zukunft. Er hofft auf implantierbare Herzsysteme sowohl für die linke wie für die rechte Herzhälfte, um flexibel auf die Erfordernisse der Herzpatienten reagieren zu können. Und es gibt Forschungsansätze einer so genannten transkutanen Energieübermittlung. Dabei wird im Brustbereich unter der Haut eine Spule implantiert und außen auf der Brust eine Gegenspule fixiert. Darüber lassen sich dann Informationen und Strom übertragen. „Hauptproblem ist aber der Energiespeicher, wir hoffen auf „Abfallprodukte“ aus der Automotive-Industrie (bei der Entwicklung des e-mobils), die wir nutzen können für implantierbare Akkutechnologie.“
Neue molekulare Zielscheiben für Medikamente finden – das sieht Walter Rosenthal als eine wichtige Herausforderung der Grundlagenforschung an, neue Strukturen, über die Arzneimittel wirken. Die Stammzellforschung für die regenerative Medizin sieht er als langfristiges Projekt. Zwar gibt es „Injektionen ins Herz, mit Stammzellen, die sich zu Herzzellen entwickeln können, damit das Herz einen Nutzen von hat…das ist noch in den Kinderschuhen, das wird noch viele Jahre dauern, bis da eine Therapie rauskommt.“
Und Vera Regitz-Zagrosek betont den Genderaspekt, der bei der Medikamentenentwicklung und bei der Therapie zu wenig beachtet würde. Organe wie Leber oder Niere der Frau reagierten anders als die der Männer, das müsse berücksichtigt werden. Und Frauen bekommen Herz-Kreislauf-Erkrankungen 10 bis 15 Jahre später als Männer, der Verlauf sei dazu auch noch günstiger. Sie stellt sich die Frage: „Wie macht das weibliche Organ das? Vielleicht finden wir interessante Ziele, die auf dem X-Chromosom liegen oder auf Genen, die vom X-Chromosom codiert werden, vielleicht finden wir da ganz interessante neue Ziele.“
Forschungsverbund für die Zukunft
Herz-Kreislauf-Forschung kostet Geld. MDC-Direktor Rosenthal beklagt sich nicht über die Forschungsfinanzierung, er gibt nur zu bedenken, dass aus seiner Sicht ein Missverhältnis bestehe in den Ausgaben für die Forschung am Krebs, die doppelt so hoch sind wie die für kardiovaskuläre Erkrankungen, immerhin Todesursache Nr. 1.
Prof. Rosenthal wies in diesem Zusammenhang auf die Gründung des Deutschen Zentrums für Herz-Kreislauf-Forschung (DZHK) hin, dass demnächst seine Arbeit aufnimmt. Es hat 24 Partner an sieben Standorten, wobei das MDC, die Charité – Universitätsmedizin Berlin und das Deutsche Herzzentrum Berlin (DHZB) den Berliner Standort Cardio Berlin bilden. Dies sei wichtig wegen der Bündelung der Expertise und der Zusammenarbeit zwischen Klinik und Grundlagenforschung. Für das DZHK stehe viel Geld zur Verfügung, 40 Millionen Euro pro Jahr.
Fazit
Das Herz, faustdick, es pumpt mit zweieinhalb Milliarden Schlägen im Laufe des Menschenlebens zwei Öltanker voll Blut. Behandeln wir das Herz also mit Respekt, schützen und pflegen es und hoffen, dass im Falle eines Falles Experten helfen können, denen unser Herz eine Herzensangelegenheit ist – und die wissen:
„Das Problem ist heute nicht die Atomenergie, sondern das Herz des Menschen.“ (A. Einstein)
Podium:
- Sven René Friedel, Director Finance & Prokurist, Berlin Heart GmbH
- Prof. Dr. Vera Regitz-Zagrosek, Direktorin Direktorin des Instituts für Geschlechterforschung in der Medizin, Charité-Universitätsmedizin Berlin
- Prof. Dr. med. Walter Rosenthal, wissenschaftlicher Vorstand Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin (MDC)
- Moderation:Thomas Prinzler, Inforadio (rbb)
Der Treffpunkt WissensWerte ist eine Veranstaltung der TSB Technologiestiftung Berlin und Inforadio (rbb) mit Unterstützung des MDC und der DKB.
Sie wurde mitgeschnitten und im Programm von Inforadio (rbb) 93,1 gesendet. Hier können Sie die Sendung nachhören.
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